3.3.2. Manipulierender Erkenntnis-Missbrauch und Kriegsführungs-Psychologie

In Blick auf die Umsetzung bestehen einige Probleme. Denn: Wer hat Interesse daran, die Umsetzung voranzutreiben? Wer stellt das erforderliche Geld zur Verfügung, um die anstehenden praktischen Maßnahmen zu finanzieren? Wie bewegt man Menschen, denen das alles bislang nicht bekannt gewesen war, dazu, es kennenzulernen, ernst zu nehmen und sich selbst daran auszurichten? Woher können diese Menschen die Zeit, Kraft und Bereitschaft erhalten, sich und ihre Lebensweise umzustellen? Wie lässt sich die dazu erforderliche Überzeugungsarbeit leisten? Wie lassen sich Menschen unterstützen, die durch diese Umstellungen wertvolle Besitzstände („occupy“) verlieren, vielleicht auch ihre bisherige berufliche Existenzgrundlage, und die sich völlig neu orientieren müssen?

Hier wird deutlich, dass es um Krieg geht: Das Wort Krieg kommt von kriegen. Wie kriegt man Menschen dazu, dass sie das tun, was zum eigenen Wohl nötig ist? Es geht darum, Menschen, und zwar möglichst viele, in Bewegung zu bringen, in eine zweckmäßige Richtung, in die sie sich von sich aus nicht unbedingt freiwillig begeben würden. Es geht darum, sie zum Kämpfen zu bewegen, zur Überwindung der Macht ihrer Ängste und Blockierungen, eigener unhinterfragter Vorurteile, Vorstellungen und Selbstverständlichkeiten, eingefahrener Gewohnheiten und Rituale des sozialen Verhaltens. Die zweckmäßige Bewegung gelingt Menschen am leichtesten, wenn sie ein erstrebenswertes Ziel vor sich sehen. – Das sind Fragen aus den Forschungsgebieten der Lern-Lehr- und Motivationspsychologie sowie der Psychotherapie.

Angesichts einer gesellschaftlich schwierigen Situation, in der es ähnlich wie heute große soziale Not und Verzweiflung gab, die sich jedoch in etlichen Punkten deutlich von den jetzigen Gegebenheiten in Deutschland unterscheiden lässt, hatte Adolf Hitler sich als Führer zum Heil Deutschlands angeboten und enormen Zuspruch gefunden - mit den bekannten Folgen. Gemäß dem Motto, dass Vorsicht walten zu lassen besser sein kann, als die Ankunft eines ersehnten Erlösers zu verschlafen (Matthäus 25, 1-13), dürfte es empfehlenswert sein, den aktuellen Gegebenheiten und allen Anzeichen drohenden Unheils hellwach zu begegnen.

Wie schon oft in der Menschheitsgeschichte ereignen sich die anstehenden Veränderungen nicht über kluge Einsichten einzelner Persönlichkeiten, die sich verbreiten und die andere sachlich und argumentativ überzeugen. Stattdessen kommt es anders: Seit 1989/90 haben sich angesichts der Globalisierung und von Maßnahmen der Deregulierung interessante Fragestellungen ergeben:

Wie lassen sich die Gegebenheiten am besten nutzen, um möglichst schnell viel Geld zu verdienen und sich damit gegenüber allen Unsicherheiten bestmöglich abzusichern?
Wie kann man sich im finanziellen Konkurrenzkampf am besten gegenüber Mitbewerbern durchsetzen und sich ein weltweites Imperium aufbauen, dem gegenüber alle anderen chancenlos sind?

Damit begann nach dem Ende des sog. Kalten Krieges eine Entwicklung, die sich als der Dritte Weltkrieg bezeichnen lässt, wenn das Wort „Krieg“ jede Form der Auseinandersetzung bezeichnet, in der es zwischen verschiedenen Parteien um Selbstbehauptung oder Untergang geht, einschließlich der Bereitschaft zur völligen Vernichtung anderer. Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg, der ja nicht nur mit physischer Waffengewalt geführt wurde, sondern zudem auch mit psychologisch ausgefeilten Propaganda- und Manipulationsmethoden, ist klar, dass zur Kriegsführung nicht notwendigerweise konventionelle Waffen erforderlich sind: Eine erfolgversprechende psychologische Kriegsführung ist auch auf der Basis von Geld- und Propaganda-Desinformations-Instrumenten möglich, unter Nutzung von Massenmedien und Internet.

Faktisch erfolgt dabei lediglich eine Umsetzung bekannter psychologischer Erkenntnisse in die Praxis: Alle Manipulations- und Propagandamethoden entstammen psychologischer Forschung. Das gilt selbstverständlich auch für Geld und die Bedeutung, die diesem zugemessen wird. Mit Geld lässt sich zweckmäßig und wirkungsvoll manipulieren und Krieg führen. Als besonders wirkungsvoll kann es sich erweisen, den Blick der Menschen über geschickte Fragestellungen von dem abzulenken, um was es tatsächlich geht. Beispielhaft dafür sei auf die heute üblichen Umfragen zu den sogenannten „Sympathiewerten“ bzw. zur „Beliebtheit“ von Politikern hingewiesen:

Wozu dienen solche Befragungen? Ist die Frage sinnvoll, inwiefern Politiker als „sympathisch“ oder „beliebt“ angesehen werden?

Diese Fragestellung stammt aus der Erforschung der Gegebenheiten in steinzeitlichen Gruppen, die angesichts äußerer Feinde zusammenhalten mussten, um überleben zu können, vergleichbar Rudeln von Wölfen. Um die Strukturen in solchen Gemeinschaften zu ermitteln, wird ein „Soziogramm“ erstellt, das die Hackordnung bzw. Rangreihe unter den Gruppenangehörigen aufzeigt. Wer hier die Spitzen- oder Führungsposition einnimmt, wird oft von den anderen besonders gefürchtet.

Passt Derartiges überhaupt zur heutigen gesellschaftlichen Aufgabe, Rolle und Funktion von Politikern? Die Bevölkerung Derartiges zu fragen, mag ähnlich interessant und gewinnbringend sein wie die Frage danach, welche Suppe am beliebtesten ist: Hühnersuppe, Ochsenschwanzsuppe, Gulaschsuppe, Erbsensuppe, Tomatensuppe, Nudelsuppe, Kartoffelsuppe oder... Was essen Sie denn am liebsten? Derartiges hat sicherlich einen Unterhaltungswert, so wie eine Witzseite oder ein Kreuzworträtsel. Die Beliebtheit von Schauspielern oder TV-Moderatoren zu erfragen, dürfte deutlich sinnvoller sein, denn deren Sympathiewert beeinflusst die Einschaltquoten.

Bei Politikern ist ganz anderes wichtig: Fachkompetenz, Lebenserfahrung und umfassender Überblick, Vertrauens- und Glaubwürdigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Bürgernähe, Unbestechlichkeit, eine klare Wahrnehmung der Notwendigkeiten und ein entschlossener, mutiger Einsatz für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung, d.h. zugunsten des Allgemeinwohls.

Warum wird nicht eingehend danach gefragt? Vermutlich deshalb, weil diesbezüglich etliche Politiker keine vorteilhaften Bewertungen zu erwarten haben. Indem man stattdessen nach deren „Beliebtheit“ fragt, wird der Anschein erweckt, dass es überhaupt Politiker gäbe, die „beliebt“ sind.

Wer die „Hitparade“ angesehener Berufe kennt, der weiß, dass Politiker hier recht weit unten rangieren. Folglich ist es raffiniert und irreführend, in solchen Umfragen nur eine Rangreihung unter Politikern vorzunehmen. Das lässt deren Schwächen nicht wirklich offensichtlich werden. So wählt eine sozialwissenschaftliche Befragung, die sich in erster Linie ihren Auftrag- und Geldgebern verpflichtet sieht, die dazu günstigste Fragestellung, um damit „das Volk“ vom Wesentlichen abzulenken und es in die Irre zu führen.

Was würde sich wohl ergeben, wenn eine Rangreihung erstellt würde, die neben Politikern auch echte Sympathieträger enthält? Da würde sich klar(er) zeigen, was Sache ist!

Wissenschaftler, denen es um das Allgemeinwohl geht, auf das sie das Grundgesetz und der Beamteneid ausdrücklich verpflichten, verweigern sich derartiger Arbeit, die „das Volk“ gezielt hinters Licht führt. Für derartig qualifizierte Persönlichkeiten gibt es in Deutschland jede Menge zu tun – nämlich zugunsten der Korrektur ganz offensichtlicher gesellschaftlicher Fehlentwicklungen. Dazu gehört auch die staatliche Förderung der Bildung und Forschung:

Was war von Frau Prof. Dr. Annette Schavan, die an der FU Berlin als Honorarprofessorin für Katholische Theologie lehrt, als „Bundesministerin für Bildung und Forschung“ zu halten? Im Jahr 2008 gab sie ein Buch heraus mit dem Titel: „Keine Wissenschaft für sich. Essays zur gesellschaftlichen Relevanz von Forschung.“ Die Körber-Stiftung hatte die Frage gestellt, „Was ist gesellschaftlich relevante Wissenschaft?“

Denken Sie als Leser(in), bitte, eine Minute lang über diese Frage nach! Wieso muss man überhaupt diese Frage stellen? Liegt die Antwort nicht auf der Hand? Alle Leser(innen) von IMGE-Texten kennen die Antworten darauf.

Bezeichnend ist: Kein Textbeitrag in diesem Band enthält den Gedanken, dass „gesellschaftlich relevant“ insbesondere eine Forschung sein könnte, die sich für die Lebensbedingungen der Menschen in Deutschland und für deren wirkungsvolle Verbesserung interessiert. Niemand regt hier eine aussagefähig-differenzierte Befragung der Bevölkerung zu ihrer Zufriedenheit an!